Plädoyer für eine bessere Ernährung

Professor Dr. Claus Leitzmann

Die Konzeption der Vollwert-Ernährung hat in den letzten Jahrzehnten alle Entwicklungsphasen einer neuen Idee durchgemacht. In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts lagen die Erkenntnisse und Forschungsergebnisse von den Pionieren der Bewegung, unter anderem Dr. Max Bircher-Benner und Prof. Werner Kollath, vor. Eine Handvoll überzeugter Wegbegleiter hatte dafür Sorge getragen, daß die Ideen und Erfahrungen nicht vergessen und weiterhin angewendet wurden. Von der offiziellen Wissenschaft wurden diese Bemühungen weitgehend ignoriert, bestenfalls zur Kenntnis genommen und belächelt.

Die Situation änderte sich allmählich ab Ende der 70er Jahre, als mehr und mehr Menschen über ihren Tellerrand hinwegschauten und erkannten, daß Ernährung nicht nur mit Gesundheit und Krankheit, sondern auch mit Umweltfragen und gesellschaftlichen Aspekten eng verknüpft ist. Das zunehmende Interesse für Vollwert-Ernährung wurde in diesen Jahren noch mit Argwohn verfolgt und führte dazu, daß ihre Vertreter öffentlich angegriffen und wissenschaftlich disqualifiziert wurden. Anfang bis Mitte der 80er Jahre beschleunigte sich die Entwicklung in erheblichem Maße – gefördert auch durch Lebensmittel- und Umweltskandale. Erst jetzt begann eine zähe, teilweise sehr schwierige Auseinandersetzung mit den Fachkollegen, die lautstark wissenschaftliche Belege für die Richtigkeit des Konzeptes der Vollwert-Ernährung forderten. Diese wurden nach und nach anhand von Studien geliefert und durch viele positive Erfahrungen untermauert.

Katastrophen zeigen Wirkung

Mitte der 80er Jahre gaben eine Reihe von nachhaltigen Ereignissen der Entwicklung eine entscheidende Wende. Dazu zählen die Gründung der Partei der Grünen, die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl sowie die dramatische Verschlechterung der Ernährungslage der Menschen in den sogenannten Entwicklungsländern. Die Bevölkerung wurde zunehmend interessiert und sensibilisiert, was auch durch die Massenmedien gefördert wurde. In dieser Zeit wurde eine Anzahl von Zeitschriften ins Leben gerufen, die sich den brennenden Problemen der Zeit widmeten, unter anderem Natur, Öko-Test und Schrot & Korn.

Seit dieser Zeit hat eine eher sachlich geprägte Diskussion über die Vollwert-Ernährung stattgefunden, die teilweise so erfolgreich war, daß sich viele Trittbrettfahrer fanden. Diese Entwicklung wurde auch – besonders bei manchen industriellen Erzeugnissen und im Bereich der Gemeinschaftsverpflegung – mißbraucht, indem alle möglichen fragwürdigen Produkte mit dem Siegel „Vollwert“ vermarktet wurden. Dies hat am Ruf der Vollwert-Ernährung teilweise gekratzt .

Auch die Verwechslung der Begriffe Vollwert-Ernährung und Vollkorn-Ernährung hat dem Image dieser zeitgemäßen Ernährungsform geschadet. Vollgetreide spielt zwar eine wichtige Rolle in der Vollwert-Ernährung, es ist aber nur ein Teil der Kost und wird meist in Form von Erzeugnissen aus Vollkornmehlen verzehrt.

Gegenwärtiges: Immer noch unter 10 Prozent Vollwertköstler

Heute wird die Vollwert-Ernährung nicht nur toleriert, sondern weitgehend akzeptiert. Darüber freuen sich alle, die zu dieser Entwicklung konstruktiv beigetragen habe und viele, die sich eher als wohlwollende Begleiter sehen. Das heißt, die Vorzüge der ganzheitlichen Betrachtungsweise wurden erkannt, anerkannt und übernommen. Damit geben wir uns allerdings nicht zufrieden, denn es sind noch unter zehn Prozent der Bevölkerung, die sich nach den Grundsätzen der Vollwert-Ernährung richten. Um eine grundsätzliche Wende in der Ernährungspolitik und im Ernährungsverhalten zu bewirken, müssen sich deutlich mehr Menschen beteiligen. An diesem Ziel wird gearbeitet. Wichtige Hilfe liegt inzwischen in Form von wissenschaftlichen Untersuchungen vor, die dazu beitragen, die Vorurteile der noch skeptischen Wissenschaftler abzubauen

Vollwertköstler sind einfach fit

Unsere kürzlich abgeschlossene „Gießener Vollwert-Ernährungs-Studie“ zeigt, daß Menschen, die längerfristig Vollwert-Ernährung als Kostform gewählt haben, einen deutlich besseren Ernährungs- und Gesundheitsstatus aufweisen als die allgemeine Bevölkerung. So zeigen die untersuchten Vollwertköstler normale bis ideale Werte bezüglich Körpergewicht und Blutfettwerte. Vollwertköstler nehmen im Durchschnitt von fast allen wünschenswerten Nährstoffen mehr auf als die Durchschnittsbevölkerung. Dieses spiegelt sich auch in den entsprechenden Blutwerten wider, die im allgemeinen besser sind als bei der Kontrollgruppe. Besonders die wesentlich höhere Aufnahme von Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffen ist hervorzuheben.

Vollwertköstler, die die vegetarische Variante dieser Kostform praktizieren, nehmen weniger von den Vitaminen auf, die vor allem in tierischen Lebensmitteln vorkommen. Das sind insbesondere die Vitamine B2, B12 und D. Kritisch ist dies jedoch ausschließlich bei Vitamin B12. Im Gegensatz zu den Vollwertköstlern, die geringe Mengen Fleisch essen, weist jeder fünfte Vegetarier sehr niedrige Vitamin-B12-Konzentrationen im Blut auf. Eine ausreichende Vitamin-B12-Zufuhr haben allerdings diejenigen vegetarisch lebenden Vollwertköstler, die täglich mindestens 380 g Milch und Milchprodukte und etwa ein Ei pro Woche verzehren.

Beim Eisen liegt die Aufnahme über dem Durchschnitt. Da die Resorptionsrate aus der überwiegend pflanzlichen Kost allerdings niedriger ist, unterscheiden sich die Eisen-Blutwerte zwar nicht von der Kontrollgruppe, die Eisenspeicher sind jedoch insbesondere bei den vegetarisch lebenden Vollwertköstlerinnen weniger gefüllt als beim Bundesdurchschnitt. Um zu prüfen, wie sich dies in Situationen höheren Eisenbedarfs auswirkt, wird derzeit eine Nachfolgestudie mit schwangeren Vollwertköstlerinnen durchgeführt.

In Sachen Umwelt verhalten sich die untersuchten Vollwertköstler sehr lobenswert, indem sie den größten Teil ihrer Lebensmittel aus der ökologischen Landwirtschaft beziehen, wenig Dosenware und aufwendig verpackte Nahrung verzehren sowie die jeweiligen Erzeugnisse der Region und der Jahreszeit bevorzugen. Außerdem ist ein Drittel Mitglied einer oder mehrerer Umweltschutz-Organisationen.

Vollwertköstler sind bewußte Konsumenten

Im gesellschaftlichen Bereich unterstützen Vollwertköstler durch ihr Einkaufsverhalten die bäuerliche Landwirtschaft und durch den Kauf von Produkten des Fairen Handels das Einkommen kleiner Landbesitzer in den sogenannten Entwicklungsländern.

Durch ihren bewußten Lebensstil beachten Vollwertköstler eine ganzheitliche Konzeption unseres Ernährungssystems, das Aspekte von der Produktion über Transport, Verarbeitung, Lagerung und Verpackung bis zur Entsorgung berücksichtigt. Auf diese Weise werden Gesundheitsverträglichkeit, Umweltverträglichkeit und Sozialverträglichkeit unserer Ernährung gleichzeitig umgesetzt. Es ist wichtig, daran zu erinnern, daß beim Essen nicht nur eine hohe Eigenkompetenz, sondern damit verbunden auch eine Eigenverantwortung gegeben ist. So finden sich auch wichtige Ansatzpunkte für eine effektivere Motivierung bereits interessierter Menschen.

Zukünftiges: Wissen, wollen, tun

Umfragen bestätigen, daß sehr viel mehr Menschen die Vollwert-Ernährung für eine zukunftsweisende Ernährungsform halten, als sie derzeit tatsächlich praktizieren. Damit stellt sich die Frage und Aufgabe, wie die vorhandene Einsicht und das vorliegende Wissen in aktives Handeln umgesetzt werden kann. Bereits Goethe hatte diesen Zusammenhang erkannt: „Es ist nicht genug zu wissen, man muß auch anwenden, es ist nicht genug zu wollen, man muß auch tun“. Um dieses zu erreichen, gibt es kein Patentrezept. Es sind jedoch viele kleine Schritte auf verschiedenen Ebenen möglich, um Menschen dem Ziel näher zu bringen. Dabei ist es wichtig zu erkennen, daß die Menschen vielerlei andere Prioritäten in ihrem Leben haben und sich an ganz unterschiedlichen Punkten der Entwicklung befinden. Dort, wo sie stehen, müssen sie abgeholt werden und mit Geduld beraten, ermuntert und begleitet werden.

Es ist aufschlußreich, daß Menschen aus ihrer jeweiligen Situation heraus auf recht unterschiedliche Weise zu einem vernünftigen Handeln kommen. Bei einigen ist es die eigene Gesundheit beziehungsweise Krankheit oder die von nahestehenden Menschen. Bei anderen ist es die Sorge um die Entwicklung der Umweltsituation. Bei wieder anderen ist es das Gefühl der Mitverantwortung für Menschen in sogenannten Entwicklungsländern, die keine Schuld daran tragen, daß sie unter menschenunwürdigen Verhältnissen ihr Leben fristen müssen. Diese verschiedenen Anstöße führen bei längerem Befassen mit der Thematik fast zwangsläufig auch zur einer Einbeziehung der anderen Bereiche, die unsere Lebensqualität bestimmen. Deshalb ist es wichtig, jeden Impuls zu nutzen, um den Anteil der Menschen zu vergrößern, die zu verantwortungsvollerem Handeln bereit sind.

Es gibt viele Möglichkeiten, die Herausforderung anzunehmen. Jeder kann dort, wo er lebt, wirkt und arbeitet durch Gespräche und Erfahrungsaustausch seinen Beitrag leisten. Es sollten keine Verbissenheit oder gar Dogmatismus aufkommen, die eher abschreckend wirken. Vielmehr sollten Verständnis, Toleranz und Fröhlichkeit unsere Bemühungen begleiten. Gelegentlich ist es hilfreich oder gar nötig Ausdauer und Disziplin einzubringen. „Vorleben, nicht zureden“ hat Kollath gefordert. Dieser Vorbildfunktion können wir uns nicht entziehen. Im Gegenteil, sie sollte uns motivieren, uns möglichst vorbildlich zu verhalten. Dies ist ein Beitrag, den jeder leisten kann.

Professor Dr. Claus Leitzmann