Wer sind die Bios?

Die Geschichte der Öko-Bewegung

Ist die Bio-Bewegung ein Kind der 70er: Hippies und Sozialpädagogen gehen aufs Land?

akwOder ein Kind der 80er: Öko-, Friedens- und Anti-Atomkraftbewegung und am besten einen Mitgliedsausweis beim Betreten eines Bioladens vorzeigen, zwecks Gesinnung?

Oder ein Kind der Ernährungsapostel von Bircher bis Bruker; Müsli, Körner und keinen Spaß mehr beim Essen? Oder ist alles ganz anders und vielleicht schon viel älter?

Bio-Geschichte Schlaglichter

Die Akteure der Bio-Branche registrieren es oft selbst mit Erstaunen, dass ihre Unternehmen zum Teil schon den 25. oder gar 30. Geburtstag feiern und gestandene Minister die Jubiläumsrede halten – wie schon vor Jahren beim Großhändler Naturkost Elkershausen der Grüne Jürgen Trittin.

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Dabei reichen die Wurzeln der Bios deutlich tiefer: Vor fast genau 80 Jahren formierten sich die ersten Alternativen im Landbau und gründeten Demeter mit der Biologisch-Dynamischen Wirtschaftsweise.

Bio ist bunt: Zu den preußischen Großgrundbesitzern und spirituell-intellektuellen Großbürgern mit anthroposophischen Neigungen gesellten sich in den 20er Jahren die Wandervogelbewegung und Reformköstler. Bäuerlich-familiär ging es dann nach dem 2. Weltkrieg weiter. Landwirtschaft wurde zunehmend industrialisiert, deshalb wollten Querdenker die Landwirtschaft als funktionierenden Familienbetrieb mit überschau- und kontrollierbaren Zusammenhängen retten.

Dabei reichen die Wurzeln der Bios deutlich tiefer: Vor fast genau 80 Jahren formierten sich die ersten Alternativen im Landbau und gründeten Demeter mit der Biologisch-Dynamischen Wirtschaftsweise.
Die Akteure der Bio-Branche registrieren es oft selbst mit Erstaunen, dass ihre Unternehmen zum Teil schon den 25. Geburtstag feiern und gestandene Minister die Jubiläumsrede halten – wie schon vor Jahren beim Großhändler Naturkost Elkershausen der Grüne Jürgen Trittin.

Der größte Schwung kam mit den 68ern, also nicht aus Landwirtschaft oder gar Lebensmittelwirtschaft selbst, sondern von den Aussteigern, die Idylle und Selbstverwirklichung suchten. Sie mischten sich bald mit politisch motivierten, meist studierten Bauern, denen die Umwelt am Herzen lag. Als dieses Konzept einer naturnahen, Ressourcen schonenden und zukunftsfähigen Landwirtschaft erfolgreich war, ließen die nüchtern rechnenden Profis nicht lange auf sich warten und sorgten für ein Plus an Vielfalt im regenbogen-farbenen Bio-Reigen. Sie stiegen oft groß ein und sorgten zum Teil für Strukturen, die eher an konventionelles Wirtschaften als an alternatives Handeln erinnerten. Das blieb nicht ohne Folgen für die „Öko-Fundis“. Sie folgten dem Trend zur Professionalisierung und wurden vom „Unterlasser zum Unternehmer“ – wie ein Szene-Spruch es durchaus treffend zusammenfasste.

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Erste mittelständische Lebensmittelhändler wie tegut oder famila bastelten an Bio-Sortimenten für Kunden, die bisher kaum einen Bioladen von innen gesehen hatten.

Nur wo bei den Unternehmen persönliches Engagement mitschwang, kam es zu mehr als halbherzigen Versuchen. Interessanter war Bio damals – in den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts – offenbar für die Lebensmittelindustrie. Als etwa der mittelständische Lebensmittelhersteller Hügli vorübergehend beim Öko-Urgestein Rapunzel einstieg, stand Bio für viele Kopf. Der Einstieg von DVG als Reformwaren-Markenartikler und ALDI-Lieferant bei Bruno Fischer und Martin Evers sorgte dann schon für deutlich weniger Blätterrauschen.

Das Rauschen wurde erst richtig stürmisch, als die erste deutsche BSE-Kuh kurz vor Weihnachten 2001 vielen Verbrauchern den Appetit verdarb. Bio war plötzlich wirklich erste Wahl beim angemessenen Umgang mit Nutztieren und bei Lebensmitteln mit Genuss ohne Reue. Und eroberte die Titelseiten der Tageszeitungen. „Jetzt spielen wir in der Bundesliga“, jubelten damals manche Bio-Funktionäre. Sie fühlten sich zum ersten Mal richtig gehört, als die grüne Landwirtschaftsministerin Renate Künast die Öko-Verbände nach Berlin lud und Konzepte für die Agrarwende diskutierte.

Inzwischen ist unbestritten: Bio ist mitten in der Gesellschaft angekommen. Rund 75 Prozent der Bevölkerung haben schon einmal ökologische Lebensmittel gegessen. Für viele – vor allem aus den gesellschaftlichen Leitmilieus – gehören sie zum alltäglichen Genuss. Apropos Genuss: Immer wichtiger wird dieser Aspekt bei der Entscheidung für Bio, denn Lebensmittel, die ausreifen durften, auf fruchtbaren Böden gewachsen sind und schonend verarbeitet wurden, schmeicheln dem Gaumen mit charakteristischem Aroma. Das wird nicht nur ausgesprochenen Gourmets immer wichtiger angesichts der Geschmacksverarmung durch Aromen und sonstige Zusatzstoffe.

Deswegen setzen sich Spitzenköche und Gourmets aktiv für Bioprodukte ein, zum Beispiel, die United Cooks of Nature, die Eurotoques und Slow Food.
Deswegen setzen sich Spitzenköche und Gourmets aktiv für Bioprodukte ein, zum Beispiel die United Cooks of Nature, die Eurotoques und Slow Food.

Allerdings gibt es auch andere Einflugschneisen in die Bioläden. Oft sind gesundheitliche Gründe maßgebend. Gut, dass dann in den Naturkostfachgeschäften die kompetente Beratung dazugehört. Und wer auf fairen Handel oder Regionalität setzt, landet geradezu zwangsläufig bei Bio-Produkten. Die gibt es nach wie vor gut sortiert und mit voller Auswahl eigentlich nur in den rund 2.500 Biomärkten und Hofläden. Der große Lebensmittelmarkt bleibt zögerlich und lässt sich feiern, wenn 70 Bioartikel eine grüne Ecke füllen. Partnerschaften ergeben sich für die Bio-Bewegung da eher mit den mittelständischen Food-Anbietern, die durch Qualität Profil gewinnen wollen.

Ministerin Renate Künast mit Starkoch Bernd Trum.
Ministerin Renate Künast mit Starkoch Bernd Trum.

Solche Allianzen werden auch nötig sein, um das große Ziel, 20 Prozent Öko bis 2011 (so die neue Ministerin Renate Künast bei ihrer Regierungserklärung am 8. Februar 2001 im Deutschen Bundestag), zu erreichen. Selbst damit bliebe Bio eine Randerscheinung – aber unbestritten eine wichtige, die gesellschaftlich bedeutend ist und Maßstäbe setzt.

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