Rückruf türkischer Bio-Linsen

In mehreren Chargen türkischer Bio- ist der Herbizidwirkstoff Glyphosat in extrem hoher Konzentration gefunden worden. Der Biofachhandel ist davon stark betroffen. Ein Großteil der und einige verarbeitete Produkte sind bereits mit einem Verkaufsstopp belegt. In welchem Umfang Ware endgültig zurückgerufen werden muss, wird sich zeigen, wenn die Ergebnisse der vielen derzeit laufenden Analysen vorliegen. Die Ursache der Belastung ist noch ungeklärt. Die belasteten Chargen stammen aus den Ernten 2009 und 2010, die das türkische Unternehmen Tiryaki Agro Gida auf den Markt gebracht hat. Tiryaki ist der größte konventionelle Getreide- und Saaten-Händler der Türkei mit einem Umsatz von rund 550 Millionen Euro in 2010. Seit 20 Jahren ist die Firma auch im Ökolandbau engagiert und gilt als einer der Bio-Pioniere in der Türkei. Daher kommen auch die engen Handelsbeziehungen zum deutschen Fachhandel. Die meisten türkischen Bio- werden bei Tiryaki gereinigt und geschält. Bereits auf der BioFach gab es in Branchenkreisen erste Hinweise, dass ein Importeur Glyphosat in türkischen Hülsenfrüchten gefunden habe. Daraufhin schickten mehrere Abnehmer Rückstellproben von Tiryakis Lieferungen ins Labor. Parallel bestätigte sich bei mehreren Unternehmen, dass einige Chargen Berglinsen und braune Tellerlinsen sowie durch Schälen daraus gewonnene rote und gelbe Rückstände von rund 2,5 mg/kg an Glyphosat aufwiesen. Am Donnerstag, 24. Februar, erreichten die ersten Rückrufe und Verkaufstopps den Handel. Der BNN Herstellung und Handel informierte seine Mitglieder und schickte am Freitag, 25. Februar, eine Rundmail an seinen Einzelhandelsverteiler, damit die Läden auf Kundenanfragen wegen fehlender angemessen reagieren konnten. Zwei komplette Ernten sind vorerst nicht mehr „bio“. Inzwischen ist deutlich geworden, dass es sich um eine größere Kontamination handelt. Betroffen sind mehrere Importeure und Direktabnehmer Tiryakis – nicht nur in Deutschland. Bereits am 25. Februar stellten die österreichischen Behörden einen Hinweis auf „Glyphosat in grünen Bio-“ ins europäische Schnellwarnsystem RASFF ein. Das deutsche Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit will in Kürze folgen. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung teilte mit, es „wurden Rückstände des Stoffes Glyphosat in bestimmten Lieferungen von der Ernten 2009 und 2010 aus der Türkei in verschiedene Mitgliedstaaten der EU festgestellt. Die gefundenen Werte sind so hoch, dass die betroffene Ware vom Markt genommen werden muss – sie ist weder als Öko-Ware noch als konventionelle weiter vermarktungsfähig. Die erteilten Vermarktungsgenehmigungen werden für das Produkt für die betroffenen Exporteure zurückgenommen.“ Im Klartext bedeutet dies, dass die gesamten Tiryaki- dieser beiden Erntejahre ab sofort nicht mehr nach Europa importiert und dort als Ökoware vermarktet werden dürfen. Nach Angaben der BLE ist der Entzug der Vermarktungsgenehmigungen „ein auf die Zukunft gerichtetes Handlungsinstrument“. Spekulationen über die Ursache: Verunreinigung? Sabotage? In einem Rundschreiben von vergangenem Montag kündigte Tiryaki-Zertifizierer IMO an, dass die Ursachensuche noch zehn Tage dauern dürfte. Weiter hieß es, „wir haben unverzüglich eine Vor-Ort-Inspektion vorgenommen. Es scheint, das konventionelle und ökologisch angebaute Linsen in den Vorratslagern von Tiryaki vermischt worden seien.“ Andere Beteiligte halten dies angesichts der hohen Glyphosatbelastung für unwahrscheinlich. Das von Monsanto entwickelte Totalherbizid (Roundup) wird vor dem Anbau gespritzt, um alle konkurrierenden Unkräuter niederzumachen. Ein Einsatz während des Wachstums der Nutzpflanze ist – außer bei genmanipulierten Pflanzen – unsinnig. Entsprechend gering sind die Rückstände im Endprodukt. Die konventionell erlaubte Höchstmenge liegt für Linsen bei 0,1 mg/kg. Das 25-fache an Belastung ist so schwer erklärlich, dass manche hinter vorgehaltener Hand an Sabotage bei Tiryaki denken. Dagegen spricht, dass sich die Belastung über zahlreiche Chargen verteilt hat und nur zufällig entdeckt wurde. Dass die Rückstände so lange unerkannt bleiben konnten, liegt daran, dass der Wirkstoff Glyphosat im üblichen Pestizidscreening namens DFG S 19 nicht erfasst wird. Die aufwendige Zusatzbestimmung wird meist nur bei Produkten aus Ländern gemacht, in denen durch den weit verbreiteten Anbau von Gen-Pflanzen und entsprechenden Dauereinsatz von Glyphosat die Gefahr von Verunreinigungen groß ist. Der BNN Herstellung und Handel weist in seinem Infobrief an die Läden darauf hin, dass trotz der hohen Belastung von den belasteten Linsen keine akute Gefahr für die Gesundheit ausgeht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.