Genfrei gehen goes America

Nach der Übergabe einer Petition gegen die Agro- an die Vereinten Nationen (www.naturkost.de berichtete) begann der eigentliche Marsch von New York nach Washington. Wir dokumentieren hier die ersten Tage. Initiator Joseph Wilhelm schrieb zu Beginn des Marsches:

„Bleibt am Ende des ersten Tages in New York City – der bröckelnden Hauptstadt des Kapitalismus – die spannende Frage, wer und wie viele Menschen die Botschaft vom ‘Right2KnowMarch’ vernommen haben, wie viele sich aufraffen und in Bewegung setzen werden. Die Zweifel am Gelingen sind im Fluge ‘verflogen’, der Marsch wird ‘seinen Lauf’ nehmen und mein Vertrauen ist wieder da, dass er gut und wirkungsvoll verlaufen wird. Und vor allem, dass er Sinn macht. Je erdrückender die Macht der ‘Multinationals’ wie Monsanto und BASF und anderen ist, um so wichtiger ist der Auftrag unserer Mission. Es hat vielleicht mit meinem Glauben an Homöopathie zu tun, dass mich Übermacht nicht erschüttern kann. Als alles angefangen hat mit unserer Firma Rapunzel und der Biobewegung, hat auch niemand gewusst, was daraus werden würde. Ich habe kein Problem damit, den ‘Großen Plan’ des Lebens nicht zu kennen und trotzdem oder erst recht mit Begeisterung und Hingabe meinen Beitrag dazu zu leisten und zu tun, was ansteht. Um etwas zu bewegen, muss mensch sich selbst bewegen…“

Dier ersten zehn Tage

Seit nun mehr als zehn Tagen läuft der „Right2Know-March“ von New York City nach Washington D.C. Ziel des Marsches ist es, das öffentliche und mediale Bewusstsein für gentechnisch veränderte Lebensmittel zu schärfen und die Einführung einer entsprechenden Kennzeichnung für genetisch veränderte Lebensmittel zu fordern. Dieses ist, insbesondere in den USA, wo 80% aller Lebensmittel genetisch veränderte Bestandteile enthalten, nicht sehr ausgeprägt.

Rückblickend waren die bisherigen Streckenabschnitte ernüchternd. Der Marsch führte entlang dicht befahrener mehrspuriger Highways, Fabriken und Industrieanlagen oder vorbei an heruntergekommenen „Neighbourhoods“. So kam schwerlich eine euphorische Stimmung auf und oft wurde die Frage gestellt, wie man hier vom „American Dream“ sprechen kann? Dennoch begleiten täglich 30 bis 40 Unterstützern den Marsch. Sie kommen aus Texas, Kaliforniern und Arizona. Mit dabei sind auch begeisterte Sympathisanten aus aller Welt, die sogar den weiten Weg aus Italien, Palästina und Deutschland nicht scheuten. Schon aus der Ferne ist die internationale Truppe an ihren zahlreichen farbigen T-Shirts und an bunten Luftballons, die an Rucksäcken, Fahrrädern oder Handgelenken befestigt sind, zu erkennen. Das ist auch sehr hilfreich, wenn wieder einer der zahlreichen und dicht befahrenen Highways überquert werden muss.

Zum Glück versorgt das Team von „Everybody’s Kitchen“ sie mit einem biologischen veganen Mittagessen, so dass die Teilnehmer nicht auf die örtlichen gastronomischen Angebote angewiesen sind. Die „Everybody’s Kitchen“-Crew hilft normalerweise armen Menschen in Not oder ist bei Katastrophen für eine schnelle Notfallversorgung der Opfer sofort zur Stelle. An dieser Stelle von hier aus ein großes Dankeschön dafür, dass sie den Right2Know-March unterstützen.

Nicht unerwähnt sollte auch die Band „Sustainable Roadshow“ bleiben. Sie hält die Läufer während der gesamten Zeit mit stimmungsvollen Lieder bei Laune. Das motiviert! Und last but not least möchten wir den vielleicht weniger unterhaltsamen, aber dadurch nicht weniger wichtigen „fahrenden Toilettenhäuschen“ etwas Beachtung schenken, Sie sorgen für einen unkomplizierten Etappenablauf ohne zahlreiche Stopps, die sicherlich die Nerven des Einen oder Anderen unnötig strapazieren würden.

Eine Zusammenfassung der einzelnen Tage:

1. Tag

„Der Right2Know-Marsch setzt sich langsam in Bewegung. Am Startpunkt der Flatbush Community owned healthfood supermarket, fand sich eine bunte Wanderschar und Begleitfahrzeuge ein, auch einige Genfrei-Gehen-Mitwanderer aus Deutschland waren mit dabei. Die Auftaktveranstaltung findet am Grand Army Plaza am Prospect Park statt. An diesem Ort fand die eigentliche Auftaktveranstaltung statt. Die Gruppe ‘Sustainable Roadshow’ gestaltete die qualifizierten Wortbeiträge mit Musik und Puppentheater sehr kurzweilig. Einer der Redner war der Anwalt Richard Kimbrell von der amerikanischen Konsumentenvereinigung, der auf dem Gebiet der Gentechnik sehr aktiv ist. Nach Stop and Go in Brooklyn und Manhattan mit der Fähre hinüber nach New Jersey. Die Szenerie aus alten und neuen Wolkenkratzern, der Freiheitsstatue und einem dramatischen Gewitterhimmel waren sehr beeindruckend. Unsere amerikanischen Freunde haben sich große Mühe bei den Vorbereitungen gemacht, was mehr Zuspruch an Mitmarschierern verdient hätte. Es kommt jedoch nicht auf die Menge an, sondern auf das, was mit der Aktion bewegt wird. Und darüber sind die Organisatoren auf jeden Fall sehr zufrieden.“

2. Tag

„Von Jersey City nach Springfield: Albtraumhafte Abwrackbetriebe und andere undefinierbare Firmengelände: Jersey City ist eine sehr merkwürdige Stadt, direkt gegenüber von NYC am anderen Ufer des Hudson gelegen. Der Übergang könnte krasser nicht sein. Ein wilder Mischmasch, kleine alte Häuser, ein paar Hochhäuser und dazwischen schon viel Niedergang und Schmutz. Es dauerte lange, bis wir aus den Wohnvierteln zum Industriebereich gelangten. Die Wegführung dorthin war eine Herausforderung. Meilenweit ging es entlang sechsspuriger Straßen, über verrostende Eisenbrücken, auf kaum einen halben Meter breiten Fußwegen. Fußwege konnte man das eigentlich nicht nennen: zu schmal und voller Gerümpel. Unter uns breite Gewässer mit dahintreibendem Abfall und Treibholz, eine richtige braune Soße. Von diesen Brücken hatten wir einen hervorragenden Ausblick zurück ins langsam entrückende NYC und Einblick in albtraumhafte Abwrackbetriebe und andere undefinierbare Firmengelände. Dazu gab´s noch den infernalischen Lärm der vorbeidonnernden monströsen LKWs, die die Brücken zum Schwingen brachten. Offensichtlich wurde diese Gegend in gewissem Sinne schon aufgegeben. Was haben wir mit dieser Welt am Abgrund zu tun? Darüber ließ sich beim Durchschreiten trefflich meditieren. Es ist auf jeden Fall heilsam, hier durchgelaufen zu sein, durchaus eine bewusstseinsbildende Maßnahme. Wir fragen uns, wie Menschen in solchen Gegenden über-leben können. Muss ich da Respekt oder doch eher Mitleid haben? Unverzagt verteilen Mitwanderer Flyer an die seltenen Passanten. Es gibt viel Unverständnis zu unserm Anliegen, aber Respekt vor dem Vorhaben, von NYC bis nach Washington zu laufen. Aber auch das überschreitet sichtlich das Vorstellungsvermögen der meisten.“

3. Tag

Der Montag führte uns von Springfield nach New Brunswick (New Jersey). Für einen Montagmorgen erstaunlich: Die bunte Truppe der ‘Right2KnowMarcher’ bestand aus rund 30 Menschen. Statt des Dreiradfahrrads, das als Transportmittel für die riesige, von einer Autobatterie betriebenen Soundanlage gedient hatte war ein Handwagen mit auf der Tour. Das dreirädrige Fahrrad hatte ‘leider’ seinen Geist aufgegeben. … die etwas ältere deutsche Fraktion hatte schon die -Meditations-Stunde herbeigewünscht…

Auch die Routenwahl ist eine Herausforderung: bisher gehen wir fast ausnahmslos an oder auf stark befahrenen Straßen, ab und an durch Industriegebiete, ausgedehnte Wohngebiete und Städte. Im Laufe des Tages gibt es zwei Stopps an netten Health Food Stores, die auf uns wirken, als seien sie in den 70er Jahren stehengeblieben. An beiden wurden wir von der Band der Sustainable Roadshow mit dem Gentechnik-Song-Repertoire begrüßt und es gab 5 % Rabatt für die Mitwanderer.

right2know

Die Wanderer verteilen unterwegs fleißig die Flyer mit den FAQs, den ‘frequently asked questions’ zur Agrogentechnik und sprechen auch viele Passanten an. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Sicherlich ist der Anteil derjenigen, die noch nie etwas von Gentechnik gehört haben größer als in Deutschland. Gerade deshalb ist der Marsch ja auch so wichtig. Unsere amerikanischen Freunde berichten über die positiven Reaktionen der Medien und halten den Marsch als Beitrag für die beginnende Bewusstseinsbildung sehr wichtig. Alles fängt einmal an…“

4./5. Tag

Die recht eintönigen 22 Meilen wurden durch einen willkommenen Besuch des Hautsponsors David Bronner unterbrochen. Zusammen mit Joseph Wilhelm verteilte er Flyer an interessierte Passanten, die oft fragten: „Where are you going?“ Auf die Erklärung der Ziele des Marsches reagierten viel mit Unwissen und Erstaunen.

In der Mittagspause sorgte – wie immer phantastisch – die “Everybody’s Kitchen”-Crew für eine gute Stärkung. Nach einem kurzen Schuhwechsel ging es dann auf die letzten 13 Meilen, die u.a. wieder von einem gegenseitigen Gedankenaustausch und mal einem In-sich-kehren und Meditieren begleitet wurden. Auch heute kam ab und an die Frage auf „Warum mache ich das eigentlich?“ Schnell fand ich eine Anwort: „Es sind die Herausforderungen und diese Herausforderungen sind gut, um an ihnen zu wachsen.“ Pünktlich zum Einbruch der Dunkelheit endete diese Etappe in Southampton.

6. Tag

Es begann mal wieder mit einem Alptraum-Frühstück, „bei dem Mensch, sofern er sich daran beteiligt, eine Monatsmenge an Plastik- und Styropor-Abfall produziert“. Um nicht von Donkin Donuts o.ä. gastronomischen Einrichtungen abhängig zu sein, haben wir glücklicherweise ein Notvorrat mit Studentenfutter, Fruchtschnitten und Trockenfrüchten dabei, der für einen schnellen und gesunden Energieschub sorgt.

Frustrierend und enttäuschend war dann der mittägliche Stopp an einem der riesigen Wholefood-Supermärkte – dem unangefochtenen Markführer im Health Food-Bereich – vor dessen Türen es den Teilnehmern des Marsches verboten wurde, ihre Banner und sonstige „GMO-NO-Werbemittel“ öffentlich darzustellen. Hat das möglicherweise etwas mit der Freundschaft des Wholefood-Geschäftsführers mit dem Vorsitzenden von Monsanto zu tun? Wholefood ist es gelungen, ein Image aufzubauen, das dem Konsumenten suggeriert, er sei in einem reinen Bioladen, was jedoch sehr fraglich ist, wenn der geschätzte Bio-Anteil unter 50% liegt.

Eine willkommene Abwechslung, sowohl für die Teilnehmer, als auch für die Anwohner, war die „Rally“, eine Kundgebung vor einem kleinen Coop-Laden, bei der die Band der “Sustainable Roadshow” mal wieder für eine akustische und der frisch gepressten Apfelsaft für eine kulinarische Begeisterung sorgte. Der letzte Abschnitt des Tages war erstaunlicherweise einer der bisher schönsten Streckenabschnitte und ging entlang eines wunderschönen engen Flusstales und endete in Philadelphia. Die dortige Begrüßung war sehr bezeichnend für die Gegend und beinhaltete den Hinweis nur als geschlossene Gruppe aufzutreten und nachts auf keinen Fall die Unterkunft alleine zu verlassen. Untermalt wurde diese „Warnung“ noch durch unbeleuchtete Häuserzüge mit verbarrikadierten Fenstern. „Welch ein Empfang …!“

7. Tag

Nach sechs strapazierenden Tagen war der darauf folgende zur Entspannung und zum Regenerieren dringend notwendig. Nach einer einigermaßen erholsamen Nacht, was in den amerikanischen low-budget Unterkünften, die sich durch nicht zu öffnenden Fenster, lärmende Klimaanlagen und Plastikboxduschen auszeichnen, recht schwer fällt, konnte der freie Tag für eine kleine Sightseeing-Tour durch Phili, eine der wenigen geschichtsträchtigen Städten der USA, genutzt werden

8./9. Tag

Diese Tage verliefen ohne große nennenswerte Überraschungen. Bei herrlichem Sonnenschein ging es entlang der üblichen industriellen Strecken-Szenerie. Nach dem Tag Pause war der Einstieg für die meisten recht schwer und machte sich trotz Schuhwechsels am Abend am Zielort durch Muskelkater bemerkbar. Große Freude löste das Mitwandern der langjähriger IFOAM-Präsidentin Katherine de Matteo aus. Für die Vorbereitung dieses Marsches war sie durch ihre vielen Verbindungen zu Organisationen und zur Politik eine wirklich große Hilfe.

10. Tag

Dieser Tag, der 10. Oktober 2011, startete an der Bio-Farm der Amish People Community, von wo aus wir erstmals eine schöne, landwirtschaftlich geprägte Umgebung überblicken konnte. Die Amish People arbeiten noch immer nach traditionellen Methoden mit Pferden und beweisen damit, dass es sich auch ohne die vielen modernen technologischen Entwicklungen gut leben lässt. Freude bereitete uns ein weiterer Neuzugang: Journalistin Karin Heinze aus Deutschland, die sich durch eigenes Mitmarschieren ein Bild für ihre Berichterstattung machen möchte. Das nenne ich mal: „Engagement …!“

Noch sechs Tage stehen den Teilnehmern bevor. Es bleibt spannend, ob sich landschaftlich doch noch eine Überraschungen auftun oder ob die Strecke weiterhin von industriellem „Charme“ geprägt sein wird. Wir verfolgen den „Right2Know-March“gespannt weiter und wünschen Joseph Wilhelm und seinen Mitstreitern viel Kraft und Durchhaltevermögen.

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