Rohkosternährung: Essen nach Instinkt?

Von Hippokrates bis Paracelsus wußten alle Heilkundigen des Altertums, daß Frischkost Heilkost ist. In der Neuzeit mußte diese Erkenntnis von Pionieren wie Bircher-Benner, Kollath, Ehret und anderen erst wieder gewonnen werden.

Zu unterscheiden sind zwei grundlegende Ansätze: Die oben genannten Vertreter der Vollwertkost empfehlen Frischkost nicht ausschließlich, sondern als Bestandteil jeder Mahlzeit und als heilsame, aber zeitlich begrenzte Diät bei einer Krankheit. Daneben gibt es reine Rohköstler. Ihrer Überzeugung nach muß das, was so gut gegen Krankheiten hilft, auch als ausschließliche Nahrung das beste sein. Gründe für diese Form der Ernährung sind die zahlreichen Verluste durch Erhitzung sowie der Säureüberschuß gekochter Nahrung.

Durch Rohkost geheilt

Rohkostpioniere wie Ragnar Berg, Joseph Evers und Max Gerson haben spektakuläre Heilungen mit reiner Frischkost erzielt. Gerson fand heraus, daß Frischkost im Körper gespeicherte Giftstoffe abbaut, eine optimale Säure-Basen-Ausgewogenheit herstellt und alle Nährstoffe bietet, die für eine optimale Zellfunktion wichtig sind. Die so entlasteten Zellen kehren laut Gerson zu einem gesunden Stoffwechsel zurück, so daß viele Krankheitsbilder verschwinden. Diese reinigende und entlastende Wirkung der Frischkost erklärt in den Augen ihrer Anhänger, warum sie selbst bei schweren Erkrankungen als wirkungsvoll gilt.

Reine Rohköstler betrachten gekochte Nahrung als tot. Für den menschlichen Stoffwechsel sei sie unbrauchbar und schädlich. Im Gegenzug führen die Anhänger der Rohkost die wohltuende Wirkung ihrer Ernährungsform unter anderem auf den vollständigen Erhalt aller Nährstoffe, insbesondere der Vitamine, Enzyme und Ballaststoffe, zurück. Darüber hinaus sind in ihren Augen Pflanzen wichtige Speicher des Sonnenlichts. Diese chemisch gebundene Energie werde beim Verzehr von Rohkost wieder frei, durch Erhitzen jedoch zerstört.

Biophysiker haben herausgefunden, daß Licht in Form sogenannter Biophotonen der Kommunikation zwischen den Zellen dient. Biophotonen regeln außerdem das Wachstum und die biochemischen Abläufe in den Zellen und vermutlich auch die Übertragung genetischer Information. Biologisch angebaute Nahrung weist einen doppelt so hohen Photonengehalt auf wie Nahrungsmittel aus dem konventionellen Anbau.

Verschiedene Strömungen

Innerhalb der Rohkost-Szene haben sich im Laufe der Zeit unterschiedliche Richtungen herausgebildet: Die vegane Rohkost die Rohmilch und Rohmilchprodukte von ihrem Speisezettel streicht. Einem möglichen Mangel an Eiweiß muß hier durch eine geschickte Kombination der Nahrungsmittel vorgebeugt werden.

In der Sonnenkost wird die Nahrung vor allem nach ihrem Lichtgehalt ausgewählt. Das heißt: Obst und Gemüse, die über der Erde wachsen, werden bevorzugt, weil sie einen hohen Photonengehalt aufweisen.

Ausgehend von der Annahme, der Mensch stamme vom Affen ab, empfiehlt die Urzeittherapie eine Ernährungsform, die der der Affen gleicht. Auch wenn die evolutionstheoretische Grundlage nicht ganz korrekt ist, so können sich auch moderne Ernährungswissenschaftler der Empfehlung anschließen, mehr Nüsse, Samen und Wildkräuter zu essen.

Guy Burgers Instinktotherapie geht von der Annahme aus, daß bei reiner Frischkosternährung die Instinkte der frühesten Menschheitsgeschichte wieder freigesetzt werden. Sie lassen uns seiner Ansicht nach genau wissen, welche Lebensmittel unser Körper gerade braucht. Burger behauptet, daß durch gekochte Nahrung diese Instinkte völlig verdorben worden seien. Unter anderem empfiehlt Burger in seiner Ernährungslehre, rohes Fleisch und Insekten zu verspeisen.

Der Start ins Rohköstlerleben

Vor einer Umstellung auf eine reine Rohkost empfehlen Rohköstler eine Vorreinigung des Körpers durch sieben- bis zwölftägiges Fasten, damit der Körper von den Schlacken der degenerierten Kochkost befreit wird und sich besser auf die Frischkost einstellen kann. Im Rahmen der Frischkost gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, ob die Lebensmittel wie bei Burger einfach im Naturzustand auf den Tisch kommen sollen. Einige Rohkost-Vertreter lehnen es entschieden ab, die Nahrung zuzubereiten, zum Beispiel als Salat mit Soße, oder sie zu zerkleinern, da damit ein deutlicher Vitaminverlust einhergehe. Ein anderer strittiger Punkt ist, ob unzerkleinerte Getreidekörner wirklich zum Rohverzehr geeignet und gesund sind – oder ob man nur die Nahrungsmittel zu sich nehmen soll, die im absoluten Naturzustand genießbar und wohlschmeckend sind.

Unabhängig von solchen Fragen räumen Ernährungsfachleute, die nicht dieser Richtung angehören, der Rohkost einen geringeren Stellenwert ein. Sie empfehlen die reine Ausprägung lediglich für zeitlich begrenzte Reinigungskuren und bewerten insbesondere die Instinktotherapie als extreme Kostform, die entweder zu wenig Abwechslung bietet oder sich das reichhaltige Angebot durch den ökologisch zweifelhaften Import von exotischen Früchten erkauft.

Aus Sicht der Vollwerternährung bleibt darüber hinaus unverständlich, warum die Rohköstler dem Getreide einen insgesamt geringen Stellenwert einräumen. Darüber hinaus weisen Vollwertköstler auf die Energiebilanz hin: Um von wassereichen Früchten satt zu werden, muß man täglich mehrere Kilo essen.


Fragen zu Rohkost an Jamila Peiter

Zwei Fragen wurden am häufigsten an Jamila Peiter gestellt:

Wie kann ich mit reiner Rohkost meinen Eiweiß- und Calciumbedarf decken?

Die Vitalstoffe, samt Mineralstoffen und Eiweißen, die sich in der gekochten Nahrung befinden, befinden sich erst recht in der rohen Nahrung. Zwei Drittel der Menschheit ißt kein Fleisch beziehungsweise äußerst wenig und leidet deswegen nicht automatisch an einem Eiweiß- oder Eisendefizit. Viele Menschen nehmen ebenfalls keine Milch zu sich, aus Armuts- oder religiösen Gründen und leiden ebensowenig an Calciummangel. Wenn Calciumwerte von der Milchzufuhr herrühren würden, dann müßten wir uns fragen: Woher nehmen die Kühe ihr Calcium? Ein Eiweiß-Calcium- beziehungsweise Eisendefizit ist in unserer Zivilisation nur dann möglich, wenn Menschen, sei es durch Nachlässigkeit oder durch akute Armut, sich über längere Zeit einseitig ernähren. Das heißt zum Beispiel Brot und Nudeln, Nudeln und Brot, tagein tagaus, eben nur, um satt zu werden. Außerdem dann, wenn die Wertigkeit der Vitalstoffe durch kontinuierliche Einnahme von schädlichen Stoffen negativ beeinflußt wird (Drogen, Alkohol und so weiter). Darüber hinaus, wenn eine Resorptionsstörung vorliegt.

Man muß sich außerdem die Frage stellen, was ist ein Mangel? Werte, die unter den Normwerten liegen? Damit kommen viele Menschen seit Jahrzehnten zurecht. Wichtig wäre, im Zweifelsfall zu beobachten, ob sich diese Werte stabilisieren oder ob sie zunehmend weiter sinken. Wenn sie stabil bleiben, dann sollte der Betroffene einfach beobachten, ob er an irgendetwas leidet oder ob diese niedrigen Werte eher seiner individuellen Konstitution zuzuschreiben sind. Bei einem Eisendefizit könnte es sich um leichte innere Blutungen handeln, oder um starke, langanhaltende Menstruation. Tumore oder Zahnfleischbluten wären als weitere Ursachen nicht auszuschließen (Blutbeimischungen im Stuhl sorgfältig beobachten). Weitere ausführliche Hinweise sind in dem Kapitel “Vegetarische Kost” in dem Buch “Pro und Contra Rohkost” zu finden.

Wie werde ich Hunger- und Kältegefühle bei der reinen Rohkost los?

Was kann ich tun, damit sowohl Hunger- als auch Kältegefühl verschwinden? Ich setze die Tabufrage hinzu, die niemand zu stellen wagt: Welche rohe Nahrung vermittelt mir soviel Gaumenfreude wie zum Beispiel Kartoffelsuppe oder Käsebrot?

Auch hier komme ich nicht um eine Gegenfrage umhin: Wieso bestehen Sie darauf, eine Kost beizubehalten, bei der Sie frieren und ständig Hungergefühle haben? Die meisten antworten: Weil ich mich damit wohler fühle. Diese Antwort ist zwar richtig, aber das Wohlbefinden ist nicht ganzheitlich betrachtet. Wie kann man sich nämlich wohlfühlen, wenn zwei Grundbedürfnisse wie Sättigung und Körperwärme, hinzu kommt die Freude am Genuss, nicht befriedigt werden? Mein Rat heißt: Loslassen und löffelweise wieder warme Nahrung zu sich nehmen. Der eine wird mit 20 Prozent Kochkost wieder zufrieden sein, während der andere wesentlich mehr braucht, zumindest an bestimmten Tagen.

Ein Problem dabei ist: Wenn sich ein Mensch länger mit Rohkost ernährt hat und jetzt meinem Ratschlag folgen will, wird er eventuell feststellen, daß das nicht ohne weiteres geht, denn er ist nicht mehr in der Lage, eine Scheibe Brot zu essen, ohne sich danach schlecht zu fühlen. Die Wiederherstellung der Enzyme für Kochkost bedarf längerer Zeit. Wenn der Körper über Monate und Jahre ausschließlich mit roher Nahrung versorgt wurde, hat er seinen Stoffwechsel zwangsweise neu programmiert. Bestimmte Enzyme, die für eine gute Verdauung und Resorption unablässig sind, waren vor der Umstellung auf reine Rohkost vorhanden. Der Körper hat nach Wochen beziehungsweise Monaten festgestellt, daß ihm keine gekochte Nahrung mehr zugefügt wird und stellt aufgrund dessen die Produktion der entsprechenden Enzyme ein. Da die Kochnahrung immerhin keine natürliche Nahrung für den Menschen ist, sondern eine angepaßte, scheint der Körper eine längere Zeit zu brauchen, bis er sich auf Kochkost wieder einstellt, indem er neue Co-Enzyme für diese Kost in ausreichender Masse zur Verfügung stellt. Es gibt keine Pauschalregel. Der eine braucht Wochen und Monate, bis er problemlos einen Gemüseeintopf zu sich nehmen kann, der andere allerdings Jahre. Das Schlüsselwort heißt: Geduld und nochmal Geduld, denn die Wiedergewöhnung an die Kochkost braucht seine Zeit.