Vegetarismus: Du sollst nicht töten

Der Vegetarismus hat eine lange Tradition und ist die erste bekannte Form bewußter Ernährung überhaupt. Pythagoras, Leonardo da Vinci, Gandhi, Shaw und Tolstoi waren Vegetarier, um nur einige berühmte Beispiele zu nennen. Das Wort “Vegetarier” kommt aus dem Lateinischen “vegetus”, was “frisch, ganz, gesund, lebendig” heißt. Allen Vegetariern gemeinsam ist, daß sie keine Tiere, also weder Fleisch noch Fisch essen. Auf dieser gemeinsamen Basis lassen sich drei Richtungen von Vegetariern unterscheiden:

  • Ovo-lacto-Vegetarier, die neben pflanzlicher Nahrung auch Milch, Milchprodukte und Eier essen;
  • Lacto-Vegetarier, die keine Eier, aber Milch und Milchprodukte zu sich nehmen; und
  • Veganer, die auf jedes tierische Produkt, also auch auf Honig, verzichten. Bekleidung oder Gebrauchsgegenstände aus Leder sind für diese Menschen ebenfalls tabu.

Ethisch-moralische Aspekte dürften die ältesten Beweggründe für den Vegetarismus gewesen sein: Wer tötet, bricht ein religiöses Urgebot. Schon Pythagoras meinte, solange der Mensch Tiere töte, werde er auch Menschen töten. Die verbreitete Art der tierquälerischen Massentierhaltung fügt den ethisch-moralischen Bedenken eine neue Komponente hinzu.

Shaw war Vegetarier aus ästhetischen Gründen. Er fand es unästhetisch, Leichen zu essen. Während der Anblick von Gemüsen und Früchten appetitanregend wirkt, ruft der Anblick eines toten Tieres und auch der rohen Fleischstücke – insbesondere bei Zunge, Innereien, etc. – bei den meisten Menschen Ekel hervor.

Gesundheitliche Gründe spielen darüber hinaus eine wichtige Rolle. Vergleichende Studien haben ergeben, daß Gebiß und Verdauungsorgane des Menschen nicht für eine fleischzentrierte Ernährung geschaffen sind. Hinzu kommt: Fleischesser sind das Ende einer langen Nahrungskette. Insbesondere Fleisch aus modernen Mastbetrieben enthält häufig Rückstände von Pestiziden, Hormonen, Antibiotika und anderen Medikamenten.

Auch ökologisch-ökonomische Gründe lassen sich ins Feld führen: Die moderne Massentierhaltung verschwendet Land, große Mengen Energie, verschmutzt Wasser und Luft. Die handelsübliche Fleischproduktion ernährt wenige Menschen in der westlichen Welt auf Kosten vieler anderer in den armen Ländern. Das Getreide, das Menschen ernähren könnte, wird an die Masttiere verfüttert. Deren Fleisch liefert nur einen Bruchteil der Nährstoffe, die im Futter enthalten waren. So leben die Reichen von den Nährstoffen der Armen. Denn viele Futtermittel werden in der Dritten Welt angebaut.

Mehr gesammelt als gejagt

In der Menschheitsgeschichte hatte der Fleischkonsum immer eine untergeordnete Bedeutung. Erst in unserem Jahrhundert hat sich das geändert – und auch nur in den Industriestaaten. Schon die Jäger und Sammler haben neueren Erkenntnissen zufolge sehr viel mehr gesammelt als gejagt. Jagen war gefährlicher Luxus, verbrauchte viel Energie und wurde wahrscheinlich vor allem aus kultischen Gründen betrieben. Im Mittelalter war nicht der Ochse am Spieß, sondern die Schüssel mit Haferbrei die tägliche Mahlzeit. Selbst in den reichen Niederlanden des 17. Jahrhunderts konnten sich die wohlhabenden BürgerInnen nicht mehr als einmal in der Woche Fleisch leisten. Das gilt auch für das Frankreich des 19. Jahrhunderts, die Wiege der “haute cuisine”. Erst durch die moderne Massentierhaltung des 20. Jahrhunderts wurde Fleisch für die meisten Menschen der westlichen Welt zum alltäglichen Nahrungsmittel.

Befürchtungen, daß Vegetarier nicht genug Nährstoffe aufnehmen könnten, haben sich in vergleichenden Studien als unbegründet herausgestellt. Im Gegenteil erwiesen sich Vegetarier – vermutlich auch aufgrund eines insgesamt hohen Ernährungs- und Gesundheitsbewußtseins – als überdurchschnittlich gesund. Veganer müssen dabei besonders auf eine ausgewogene Zusammenstellung ihrer Nahrung achten, um eine ausreichende Nährstoffversorgung sicherzustellen. Ansonsten hat sich die Mär von der Proteinunterversorgung in der allgemeinen Diskussion eher ins Gegenteil umgekehrt, seit wissenschaftliche Untersuchungen ergeben haben, daß ein Zuviel an Proteinen, insbesondere tierischer Herkunft, nicht einfach ausgeschieden wird, sondern durch Zerfall und Ablagerung im menschlichen Körper zu Herz-Kreislauf-, Gelenk- und anderen Krankheiten führen kann.

Nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sollte die vegane Kost von den beiden gemäßigteren Formen des Vegetarismus unterschieden werden. Veganer benötigen, so die DGE, ein umfangreiches Ernährungswissen, um sich vor Mangelerscheinungen zu schützen. Dies betreffe die Versorgung mit Vitamin B12, Calcium, Eisen und Jod.

Berühmte Vegetarier: Von Phytagoras bis da Vinci

“Vegetarier” ist ein relativ junges Wort. Es wurde 1847 in England erfunden. Zuvor sprach man in der Regel von “Pythagoräern”, nach dem “Urvater” des Vegetarismus, dem griechischen Philosophen und Mathematiker Pythagoras. Er hat in Ägypten und Persien gelebt, an die Seelenwanderung geglaubt und seinen Schülern eine Gemeinschaft geschaffen, in der Materialismus und Fleischessen tabu waren, meditiert, gedacht und bewußt gelebt wurde und in der Frauen gleichberechtigt waren.

Ein besonders faszinierender Vegetarier war Leonardo da Vinci, Renaissance-Maler, Erfinder, Wissenschaftler, Architekt, Dichter, ein “uomo universale” und ganzheitlicher Mensch. Er benutzte die Rezepte aus Kapitel VII von Platinas “De Honesta Voluptate”, des 1475 geschriebenen ersten “modernen” Kochbuchs, von dem sich ein Exemplar von 1487 in seiner Bibliothek befand.

Britta Classen