Die Achtziger Jahre

Bio im Blick – rasantes Wachstum und heftige Attacken

In den 80er Jahren wächst der Öko-Markt rasant. Bio wird breiter wahrgenommen und meist kritisch beäugt. Eine einheitliche Kennzeichnung für Bio fehlt. Trittbrettfahrer versuchen mit Marken wie Biolan auf der Welle mit zu schwimmen und tragen zur Verunsicherung der Verbraucher bei. Der Ausdruck „Bio“ ist noch nicht gesetzlich geschützt. Verbraucherverbände warnen vor Pseudo-Bio-Waren in Großmärkten.

1980 gelingt es der IFOAM, der International Federation of Organic Agriculture Movement, der Welt-Bio-Organisation, mit eigenen Richtlinien Basis-Standards für Bio in aller Welt durchzusetzen. Ein Jahr später wird Bioland zum Warenzeichen.

1982 Im amtlichen Landwirtschaftsbericht wird zum ersten Mal „alternative Ernährung“ erwähnt. Vollkorn-Bäckereien und Tofureien entstehen, die Regale der Bioläden füllen sich. Vieles ist exotisch und erklärungsbedürftig: Seitan und Tempeh, Hirse und Bulgur, Pastinaken und Schwedenmilch, Maislutscher und Carob-Rosinen.

Ein weiterer Anbauverband mit eigener Marke kommt dazu: Naturland e.V. will praxisbezogenen Ökolandbau und gesicherte Vermarktung durchsetzen.

Naturkost e.V.Die Naturkost-Szene gibt sich den ersten organisatorischen Überbau. Im Naturkost e.V. (Verein zur Förderung natur- und menschengemäßer Ernährungsweise) arbeiten Verarbeiter, Großhändler und Ladner gemeinsam an Qualitätskriterien für deutsche und ausländische Bio-Ware.

Ein Qualitätsinstitut überwacht die Einhaltung der selbst gesetzten Richtlinien und beginnt die Ladnerausbildung. Die Qualifikation „Sozialarbeiter“, „Lehrer“ oder „Psychologe“  reicht nicht mehr, um erfolgreich Kunden zu beraten und Bio-Waren anzubieten.

1983 Die 1. Müsli-Messe findet als Frankfurter Körner Kongress statt. 55 Aussteller ziehen 2.000 Fachbesucher an. Auch finanziell war die Müsli ein Erfolg, 20.000 Mark blieben übrig und wurden in die Qualitätsarbeit des Bundesverbands Naturkost als Nachfolger des Naturkost e.V. gesteckt.

Biologischer Landbau ist aktiver Umweltschutz. Aufgrund der allgemeinen Umweltbelastung kann selbst der kontrolliert biologische Landbau Schadstofffreiheit nicht garantieren. Dieser Aufkleber des Bundesverbands Naturkost prangte auf hunderttausenden von Bio-Produkten. Anspruchsvoll war die Unterscheidung zwischen Rückstand (aus bewusst in der Landwirtschaft eingesetzten Giften) und Schadstoff (aus allgemeiner Umweltbelastung).

1985 schließen sich ökologisch arbeitende Weingüter in Deutschland zum Ecovin-Verband zusammen, der damals noch BÖW hieß (Bundesverband ökologischer Weinbau). Heute sind 200 Betriebe dabei und pflegen 870 Hektar Rebfläche in zehn deutschen Anbaugebieten. In der Türkei startet ein biologisches Projekt mit Feigen und Sultaninen für den deutschen Markt – heute liefern rund 650 Bauern aus 14 Provinzen der Türkei an Rapunzel.

Ein Jahr später, 1986, sorgt der GAU von Tschernobyl für einen ersten Boom. Nach der Explosion im Kernkraftwerk erlebt die junge Bio-Branche einen wahren Ansturm. In den Bioläden werden Getreide und Gemüse auf radioaktive Belastung getestet, Sojamilch als ungefährlicher Ersatz für Kuhmilch angeboten und bei Lieferengpässen auf nächste Woche vertröstet. An mancher Eingangstür hängt das legendäre Plakat „Kornkraft statt Kernkraft“.

Die Molkerei Söbbeke im Münsterland füllte täglich 60 Liter Bio-Milch per Hand ab. Mit drei Bio-Bauern war Molkereimeister Paul Söbbeke anderthalb Jahre lang im Gespräch, bevor das erste Milchauto auf ihre Höfe rollte. „Bis dahin gab es die Bio-Milch nur direkt ab Hof,“ erinnert er sich. Die braunen, runden Milchflaschen fand er damals in Österreich, die Spülmaschine dafür kam aus dem Gastronomiebedarf. Etiketten baumelten mit Schießgummi einfach am Flaschenhals, und die ersten Joghurts mit Cerealien waren nach eigenem Bekenntnis „ungenießbar – wurden aber gekauft, es galt schließlich die reine Lehre.“

Schrot&KornIn den 1.200 Naturkostläden wird mit „Schrot & Korn“ eine eigene Kundenzeitschrift verteilt, die hilft, im Bio-Dschungel den Überblick zu bewahren. Und schonungslos wird auch über den ersten Bio-Skandal berichtet, bei dem es um Betrug mit Südfrüchten aus Spanien geht.

In den Regalen stehen immer mehr ausländische Produkte. Nicht alles, was angeboten wird, ist wirklich aus biologischem Anbau, sei es, dass es die Produkte einfach noch nicht in Bio gibt, sei es, dass das bis dahin rein private Kontrollnetz Lücken aufweist. Neben den Lebensmitteln komplettieren Mühlen, Keimgeräte, Naturfarben, Spielzeug, Umweltschutzpapier, Wollwindeln und Still-Einlagen das neue „Tante-Emma-Angebot“. Food-Coops – Einkaufsgemeinschaften von Verbrauchern – finden sich, um den Einkauf günstiger zu machen und organisieren in Garagen das Umpacken von Großgebinden in die Kofferräume großer Familienautos.

Ein dichtes Netz von so genannten Regionalverteilern sorgt als Großhandel für regelmäßige Belieferung der Bioläden. Die ersten Kühlwagen werden losgeschickt, um Milch und Quark, Käse oder den vegetarischen Fleischersatz Tofu in die meist gebraucht gekauften Kühltheken der Läden zu stellen.

HawosMit dem ersten Großflächenplakat erregt Mühlenhersteller HAWO Aufsehen. Werbung wird bio-kompatibel – und ist oft ausgesprochen flott – wie die Frage der regionalen Großhändler auf ihren Plakaten „Wer arbeitet eigentlich für den KBA?“ (KBA stand damals für bestes Bio – kontrolliert biologischer Anbau).

1987 betritt Bio eine neue Dimension. Die Firma Alnatura eröffnet ihren ersten Bio-Supermarkt in Mannheim. Da kennen auch bisher skeptische Verbraucherinnen keine Berührungsängste mehr. Bis zum Boom der neuen Vermarktungsform Bio-Supermarkt sollen allerdings noch zehn Jahre vergehen.

AGÖL1988 wird die AGÖL (Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau) gegründet. Alle deutschen Bio-Anbauer einigen sich auf einen Mindest-Standard in der Erzeugung. Und diskutieren dann jahrelang ergebnislos über ein gemeinsames Erkennungs-Zeichen für diese Bio-Waren.

1989 Professionalisierung ist angesagt. Der Staat finanziert Betriebsberatungen für die Do-it-yourself Unternehmer und setzt im Rahmen der Agrarextensivierung ein Signal. Der Umstieg auf Öko wird finanziell attraktiv, immer mehr bisher konventionell arbeitende Bauern steigen dank der neuen Flächenförderung um auf Bio. Zu den bisherigen Quereinsteigern gesellen sich landwirtschaftliche Profis, die verstärkt spezialisierte Betriebe aufbauen. Zum ersten Mal werden über 50.000 Hektar landwirtschaftliche Fläche in der BRD ökologisch bewirtschaftet. So entstehen aber auch die ersten Überschüsse, die der immer noch kleine Naturkostmarkt nicht absetzen kann. Versuche der großen Handelsketten mit Bio sind eher zögerlich und kaum markt-relevant – allenfalls auf die Preisgestaltung haben sie Wirkung, denn manches Bio-Produkt wird jetzt günstiger angeboten, und die Bauern klagen bereits über einen Preisverfall. Obwohl der Naturkostmarkt mit über zehn Prozent Wachstumsrate jährlich schneller wächst als alle vergleichbaren Bereiche des Lebensmittelhandels, sind die Bauern unzufrieden. Die Diskussion über die angemessenen Vermarktungswege für Naturkost wird zum Dauerthema – und bleibt es bis heute. Mancher Bauer träumt Ende der Achtziger nicht nur von der Großvermarktung, sondern probiert sie auch aus. Während dem Biohandel Unprofessionalität vorgeworfen wird, stöhnt mancher jetzt über das professionelle Gebaren der Großen, die nur mit Mengen umgehen können und preisdrückend verhandeln. Das Problem von Überschüssen – häufig verursacht durch staatliche Förderung – samt der daraus resultierenden Absatz- und Preisprobleme bleibt bis heute aktuell.

Ökodorf Brodowin1989 Die Wiedervereinigung bringt große Öko-Betriebe, auf denen beispielsweise 4000 Rinder grasen. In Brodowin in Brandenburg wird ein ganzes Dorf auf Öko umgestellt. Heute genießen die Berliner den zarten Mozzarella von diesem biologisch-dynamischen Demeter-Betrieb.

Neumarkter LammsbräuDer GÄA-Bundesverband startet als Arbeitsgemeinschaft für ökologischen Landbau in der ehemaligen DDR und gewinnt bald auch Mitglieder in den alten Bundesländern.

Dr. Ehrnsperger, Chef der Neumarkter Lammsbräu mit Bier aus Bio-Hopfen, wird 1990 Ökomanager des Jahres. Das Manager-Magazin würdigt besonders die gesamt-ökologische Konzeption der Brauerei, die in allen Bereichen von den Rohstoffen bis zum Abwasser vorbildlich ökologisch-korrekt arbeitet.