Die Neunziger Jahre

Bio wird trendy – Promis outen sich als Öko-Genießer

Die 90er Jahre Der Bio-Markt differenziert sich. Längst kaufen gut-situierte Bürger in hellen, modernen Geschäften mit Kühltheken und genießen italienischen Bio-Wein und französischen Bio-Käse. Promis wie Alfred Biolek oder Feinschmecker Siebeck outen sich als Öko-Käufer. Gesunde Ernährung ist in, Genuss und Öko haben sich angenähert. Erste Belieferungs-Unternehmen wie Abo-Kiste entstehen und erreichen neue Kundengruppen.

1990 Ökologie und wirtschaftlicher Erfolg sind keine Gegensätze mehr. Der Bio-Pionier Rapunzel wird beispielsweise in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Banken bieten grüne Geldanlagen an. Normierte Öko-Audits unterstreichen die umwelt-relevanten Bemühungen der Unternehmen, die in neue Gebäude und Maschinen investieren.

Demeter1991 Die EG-Verordnung Öko-Landbau hat alle Brüsseler Hürden genommen. Sie regelt die Erzeugung von Bio-Lebensmitteln und schafft juristische Klarheit. Zur internen Absicherung der Bio-Qualität kommt die staatliche. Wo Bio drauf steht, muss jetzt auch gesetzlich Bio drin sein. Die altgedienten Verbände, die selbstlos daran mitgearbeitet haben, erweitern ihren Fokus und kümmern sich verstärkt um die Verarbeitung der Bio-Waren, die zum Beispiel bei Demeter durch eigene Verarbeitungsrichtlinien geregelt wird.

BNNMit einem großen dicken N will der Bundesverband Naturkost Naturwaren ähnlich dem Apotheken-A die Bioläden kennzeichnen. Das Konzept wird hoch gelobt, aber nur zögerlich umgesetzt und bleibt deshalb wirkungslos.

Geld-Verdienen wird ein legitimes Ziel der Ökos, die an betriebswirtschaftlicher Kompetenz gewinnen und neue Unternehmer-Typen anlocken. Erste Marketing-Konzepte werden in Kooperationen umgesetzt. Werbezettel mit Sonderangeboten erreichen Menschen, die noch nie ein Naturkostfachgeschäft betreten haben.

Der erste Superbiomarkt in Münster startet mit Rundfunkwerbung – einmalig für die Bio-Branche. Gut acht Jahre später schaltet Großhändler Weiling Radiowerbung für ganz NRW. Weil Ministerin Bärbel Höhn darin für Bio plädiert, gibt´s sogar eine Anfrage im Parlament.

1996 Zwei Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland werden ökologisch bewirtschaftet – das sind immerhin 354.171 Hektar.

1998 Ein leckeres Bio-Buffet begeistert die Teilnehmer der UN-Klimakonferenz in Bonn, gleichermaßen Ausdruck gesellschaftlicher Akzeptanz und hoher Genuss-Qualität.

Martin Eversbruno fischer1998 Nachdem der Schock über die Hügli-Beteiligung bei Rapunzel verdaut war, sorgt die erste Übernahme einer Biofirma durch ein Reformwaren-Unternehmen für Aufregung. Das DE-VAU-GE Gesundkostwerk in Lüneburg kauft die Martin Evers Naturkost GmbH und ein Jahr später die Bruno Fischer GmbH.

Die Verbindung kam durch den DE-VAU-GE-Gesellschafter, den Hamburger Verein der Siebenten-Tag-Adventisten zustande. Zu dieser Glaubensgemeinschaft gehört auch die Familie Fischer, die mit biblischen Sprüchen auf den Brotaufstrichen erhitzte Debatten in der Branche ausgelöst hatte. Das Interesse dieses 100 Jahre alten Reformwaren-Herstellers aus der Heide bleibt kein Solo. Öko als Chance wittern inzwischen auch der klassische Lebensmittelbereich und das internationale Ökobusiness. Das zeigt sich, als Walter Lang, der 1974 mit einem landwirtschaftlichen Selbstversorgerprojekt gestartet war und inzwischen der bedeutendste Bio-Honig-Lieferant ist, seine Firma an die Corposan-Holding GmbH verkauft. Lang bleibt Geschäftsführer bei Allos – und ist Teil eines Unternehmens, zu dem auch die Reformhausmarken Tartex und Dr. Ritter gehören. Allos2001 bindet sich die Corposan Holding an die Koninklijke Wesannen nv. Niederlande. Aus inhabergeführten Unternehmen, für die die Integrität der Persönlichkeiten sprach, werden Kaptialgesellschaften mit eigener innerer Dynamik. Ungewohnt für einen kleinen überschaubaren Markt, in dem „man“ sich kennt und vertraut. Befürchtungen, dass nun die Renditeorientierung zu Lasten der Qualitätsausrichtung geht, bestätigen sich jedoch nicht. Im Gegenteil, nicht zuletzt durch die Profis wird Qualitätssicherung immer wichtiger für die Naturkost-Hersteller.

1999 Ein Netz von 2.500 Naturkostläden überzieht die Republik, versorgt von 700 Herstellern und 30 Großhändlern. In den Regalen locken Prosecco und Grappa, Espresso, vegetarische Grillwürstchen, Bodylotion oder Lidschatten, Sesamstraßen-Kekse, Janosch-Aromaöle und -Tees, Lachs und Tiefkühl-Lasagne – alles ist in „Bio“ zu haben. Rosi Weber, schon 1980 bei der Gründung des Großhandels Biogarten dabei, sorgt mit der Spezialisierung auf den Bereich Natur-Drogerie dafür, dass mehr als 7.000 Produkte allein für Schönheit, Pflege und Sauberkeit verteilt werden.

1999 erlässt die Europäische Kommission Regeln für die ökologische Tierhaltung. Dennoch spielen Fleisch und Wurst in den Naturkostgeschäften meist nur Nebenrollen.