Die Siebziger Jahre

Idealistische Aussteiger kreieren neue Lebensmodelle – die Bio-Szene entwickelt sich

Die 70er Jahre gehören den Alternativen. Hier hat „Bio“ seine Wurzeln – bei der Studentenbewegung der 68ziger, beim Flower-Power der Hippies und in der Frauen-Emanzipation. In Landkommunen hüten Aussteiger Schafe, machen Käse oder backen Brot aus vollem Korn. Aus Konsum- und Kapitalismus-Kritik werden neue Handelsformen geboren. Wer die Nase voll hat von DDT in Muttermilch, Hormonen im Kalbfleisch oder Frostschutz im Wein fährt weit, um bei den wenigen Bio-Bauern Körner und Kräuter zu kaufen.

1972 gibt es fünf Bio-Läden in Deutschland. Schwarzbrot in Hamburg ist der erste – der „Laden für makrobiotische Lebensmittel, Tee und internationale libertäre Zeitschriften“ heißt wirklich so – und wurde als Einkaufsgemeinschaft gegründet. Die Warenbeschaffung ist ein Abenteuer, Bio-Gemüse und -Getreide werden gehandelt wie kostbares Gold. Kein Wunder, denn in Deutschland werden gerade mal 500 Hektar landwirtschaftlicher Fläche ökologisch bewirtschaftet.

Die Kunden in den Bioläden ähneln den „Ladnern und Ladnerinnen“, wie die Händler im Szene-Deutsch heißen, bis heute mehr Frauen als Männer. Sie sind langhaarig und wollsockig, kommen nicht nur zum Einkaufen, sondern wollen diskutieren, die neuesten Flugblätter mitnehmen oder aushängen und bestärkt werden in ihrer jeweiligen Überzeugung. Die ist entweder makrobiotisch oder strikt rohköstlerisch oder konsequent zuckerfrei oder … Wer nicht dazu gehört, kommt kaum über die Türschwelle.

Reine WelkeRainer Welke, heute Davert-Mühle, erinnert sich: „Im Makrohaus musste ich Streit schlichten zwischen zwei Kunden, weil einer grob gegen die Regeln verstieß und eine Orange verspeiste. Und unsere makrobiotischen Lebensmittel holte ich direkt bei Lima in Belgien.“

Das Verhältnis zwischen den eher konservativ geprägten Demeter- und den mehr links orientierten Bioland-Bauern sowie den Bioläden ist nicht spannungsfrei. Skeptisch werden die Hippies hinter der Theke beäugt – doch gerade denen gelingt es, Nachfrage zu schaffen. So können mehr Bauern umstellen und Quereinsteiger die Landwirtschaft erobern: Lehrer, Sozialpädagogen, Diplom-Psychologen und Träumer, denen es um die Natur und um Gerechtigkeit für die Menschen geht.

KomoWolfgang Mock, Diplom-Psychologe und Getreidemühlen-Hersteller der Sponti-Zeit: „Für mich war damals Kollaths Vollwertlehre so revolutionär und spannend wie vorher Marx. Hier wie dort ging es darum, eine bessere Welt für die Menschen zu schaffen. Gerechtigkeit und die Verteilung von Macht waren von Anfang an mit der Bio-Bewegung verknüpft. Die haben wir nächtelang heiß diskutiert – das Handeln war nur Mittel zum Zweck.“

RapunzelIm Sog der wachsenden Zahl an Bioläden (1979 immerhin rund 150) entstehen erste Großhandelsstrukturen und Self-made-Bio-Hersteller. Heute professionelle Unternehmer wie Rapunzel rühren per Hand Nussmus in 12-Liter-Eimern zum Selbstabfüllen.

BarnhouseBei Barnhouse duftet das frisch geröstete Krunchy aus dem Backofen der Wohngemeinschaft. Einfach sollen die Produkte sein, transparent ihre Herkunft, nachvollziehbar die Verarbeitung. Naturkost ElkershausenBeim Großhändler Elkershausen wuchs ein Teil der Ware direkt hinter der gemieteten Scheune, die als Lager diente.

Klapprige LKW fahren durch die Gegend, um die raren Bio-Produkte dennreeeinzusammeln und an Bio-Läden zu liefern. Als einer der ersten Großhändler startet 1974 dennree, heute der größte bundesweite Bio-Lieferant. Im deutschen Herbst mit RAF-Terror sind die Alternativen generell verdächtig: Die Bohlsener Mühle, idyllisch am Rande des Wendlandes gelegen, wird vom Bundesgrenzschutz gestürmt. Man vermutete dort Terroristen statt ökologischer Keksbäcker.

Bohlsener MühleAber es gab auch Unterstützung. So wurde 1975 die „Georg Michael Pfaff Gedächtnisstiftung“ in „Stiftung Ökologischer Landbau“ umgewandelt, die heute noch als wissenschaftsfördernd anerkannt ist und praxisorientierte Projekte und Studien fördert.